Mit der Bibel etwas anfangen können, ohne Fundamentalist zu sein?

Die Nachrichtenredaktion idea hat im Anschluß an den Evang. Kirchentag in Stuttgart einen Bericht über die Veranstaltung „Bibel.Fundament.Fundamentalismus“ gebracht. Weniger diese Veranstaltung, dafür aber die idea-Meldung hat Einiges an Irritationen ausgelöst. Da ich selber involviert und immer wieder auf die Meldung angesprochen worden bin, schließlich die Thematik auch Relevanz hat für kirchliche und religiöse Lebenswelten, lege ich Wert auf die folgenden Feststellungen:
(1) Die Veranstaltung war Fundamentalismus-kritisch angelegt. Ich habe das gewusst, habe mich aber darauf eingelassen, um auch ausdrücklich einem allgemeinen F-Bashing zu wehren, mit dem wir es uns insgesamt zu leicht machen („Fundamentalisten” sind ohnehin immer nur die anderen).
(2) Ziel meiner Ausführungen war es weiter, zwischen fundamentalistisch und evangelikal zu unterscheiden und für einen Schriftumgang zu plädieren, der zugleich intellektuell verantwortet ist wie auch die Autorität der Bibel berücksichtigt.
(3) Ich habe in der langen Diskussion auf dem Podium und hinterher mit dem Publikum mehrfach darauf hingewiesen: Der F. als konservative Protestbewegung antwortet auf Probleme und muß von daher verstanden werden (Berger: Fundamentalismus entsteht, wo die Fundamente wegbrechen). Moderne und Postmoderne stehen vor denselben Herausforderungen, und viele halten ihre Antworten nicht für besser.
(4) Ich habe Prof. Dinkel direkt widersprochen, der meinte, Jesu Gehen über das Wasser, die Auferstehung etc. allein symbolisch verstehen zu müssen. Ich habe seine Position als eine bloße Interpretation dekonstruiert und auf die wissenschaftstheoretisch naive Annahme von naturwissenschaftl. Weltbildern, auf die er sich bezog, hingewiesen … Also, diese Positionen sind nicht unwidersprochen geblieben, und die Kritik hat massiv Beifall bekommen.
(5) Meine mir zugewiesene Aufgabe bestand in einem Eingangsvotum zur Frage, inwiefern Fundamentalismus dem christlichen Glauben schadet. Frau Prälatin Wulz hatte umgekehrt die Aufgabe, „fundamentalistische Positionen“ zu verstehen und ihnen etwas abzugewinnen.
(6) Der idea-Artikel ist unseriös, weil er all diese Differenzierungen und Zwischentöne unterschlägt. Die Veranstaltung wurde erst literarisch eindeutig gemacht.
(7) Wer den Bericht liest, kann den Eindruck gewinnen, daß der zuständige Redakteur der Veranstaltung nur zum Teil beigewohnt hat. Das ist bei einer Diskussionsveranstaltung, die sogar ins Plenum geöffnet wurde und die eben nicht nur aus den wenigen Eingangsvoten bestand, journalistisch und sachlich mißlich.
(8) Wer die idea-Meldung liest, kann den Eindruck bekommen, daß die evangelische Kirche auf einer der zentralen theologischen Veranstaltungen des Kirchentags in bekannter und üblicher Weise auf die frommen und konservativen ihrer Glieder eingeschlagen hat. Die Meldung bedient zwar eingefahrene Vorurteile und Erwartungen, sie dient aber nicht der Wahrheitsfindung und wird der Summe der Voten nicht gerecht.
(9) Über die Erarbeitung dessen, was man präzise unter „Fundamentalismus“ verstehen kann, hinaus stand über weite Teile des Plenums die Frage im Mittelpunkt, welche positive Bedeutung die Bibel denn für die Kirche und für die einzelnen Menschen haben kann und wie sie Verbindlichkeit für Glaube und Leben gewinnen kann. Es war beeindruckend, welche teilweise auch sehr persönlichen Berichte die Dame und die Herren auf der Bühne hier lieferten. Das war im besten Sinne glaubensstärkend und verbindend.
Das Nachrichtenmagazin idea dient weder der evangelischen Welt, noch dem Pietismus und schon gar nicht sich selbst, wenn es solche komplexen Materien in dieser verkürzenden und vereinfachenden Weise darstellt. Es trägt Verantwortung dafür, wenn auf diese Weise Gräben vertieft werden, die sachlich nicht gerechtfertigt sind und die andere zum Wohle des Ganzen zu überwinden suchen.
Wer die Reaktion auf den Beitrag in idea für übertrieben hält, dem zitiere ich gerne einen Auszug aus einer an mich gerichteten Mail vom 6.6.:
„[…] wenn das zutrifft, was Sie laut IDEA vom  4. Juni 2015 im Rahmen des Kirchentages geäußert haben sollen (und IDEA ist korrekt), dann erfüllen Ihre Aussagen den biblisch-christlichen Tatbestand des Irrlehrers, des falschen Propheten, des Antichristen, des Wolfs im Schafspelz, usw.“
Die Hervorhebung stammt nicht von mir, aber sie ist bezeichnend. Die Attributionen als Verführer der Christenheit stehen nur theoretisch unter einem Vorbehalt. De facto nicht. De facto ist idea „korrekt“, steht nicht zur Debatte, ist sozusagen unfehlbar.
Ich hänge für alle, die an der Sache interessiert sind, sowohl mein Votum auf dem Plenum an als auch meine vorbereitende Reflexion für die Moderatorin. Wer grundsätzlich an meiner Position zur Hermeneutik interessiert ist, der vgl. „Wir haben den Horizont weggewischt“, wo in Kap. 7 im Anschluß ausgerechnet an F. Nietzsches und in christlichem Geist ein Ansatz entwickelt wird, der versucht, Interpretation als Überwältigungsakt zu vermeiden.