Heinzpeter Hempelmann: Gott im Milieu. Wie Sinus-Studien der Kirche helfen können, Menschen zu erreichen, Gießen 2012, 14,95€

Gott im Milieu

Provozierend hat der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, in seiner Abschiedsbotschaft im Oktober 2009 davon gesprochen, dass Kirche sich aus ihrer Milieugefangenschaft lösen muss. Der Anklang an die captivitas babylonica, und damit die Bezugnahme auf den zentralen Horizont der reformatorischen Auseinandersetzung, markiert, was nach Huber heute für die Kirchen auf dem Spiel steht. Ist das, was wir heute unter „Evangelium“ verstehen und als solches „kommunizieren“, vielleicht so stark durch eine spezifische kulturelle Prägung, auch ein kirchliches Milieu bestimmt, dass wir genau durch dieses spezielle mentale Format anderen den Zugang zum Evangelium verstellen? Bedeutet Christsein heute nicht nur Umkehr zu Christus, sondern auch zu einem bürgerlichen, mehr oder weniger modernen oder auch vormodernen Lebensstil? Ist Christsein und Christwerden wieder mit – unevangelischen – Bedingungen verbunden? Repräsentiert das gegebene kirchliche Leben in seiner meist konservativ-(klein-)bürgerlichen Prägung das kirchliche Leben als solches? Diese Fragen sind unangenehm. Sie sind lästig. Sie haben das Potenzial, kirchliches Leben infrage zu stellen.

Die Ausgangsthese dieses Buches lautet: Die empirische Sozialwissenschaft kann Kirchen und Christen wichtige Hilfestellungen geben, unsere Gesellschaft besser zu verstehen und uns angemessener auf sie einzustellen. Speziell die Lebensweltforschung und das Sinus-Milieu-Modell bieten ein kulturhermeneutisches Instrument erster Güte, auf gut Deutsch: Es handelt sich vor allem und zunächst einmal um eine geniale Sehhilfe. Dieses Sehhilfe uns helfen, uns selbstkritisch mit der Frage auseinanderzusetzen, ob wir nicht heute vor einer neuen Gefangenschaft des Evangeliums stehen. Es ist völlig selbstverständlich, dass diese Frage neben begeisterter Rezeption auch skeptische Abwehr provoziert. Sowohl unnüchterner Überschätzung der missionarischen Möglichkeiten wie auch unkritischer Abwehr alles Nichttheologischen gegenüber bedarf es eines sorgfältigen Abwägens der Potenziale eines milieutheoretischen Zugangs zu Kirche und Gesellschaft. Genau darum geht es in dieser Einführung in die Sinus-Milieus und microm-Geo-Milieus®.

Konkreter Anlass dieser Veröffentlichung ist die gemeinsame Sinus-Studie „Evangelisch in Baden- Württemberg“, die die Evangelische Kirche in Baden (EKiBa) und die Evangelische Landeskirche in Württem- berg (ELKWü) in Auftrag gegeben haben und deren wichtigste Ergebnisse im Herbst 2012 vorgestellt werden sollen.